Widerstände als Ursprung pädagogischer Initiative

Tagungsbeitrag von Claus-Peter Röh, 10. Welt-Lehrer- und Erziehertagung, in: Rundbrief Johanni Nr. 57

Das Erleben und Überwinden von Widerständen gehört existentiell zur Entwicklung unserer internationalen Waldorfbewegung dazu. Jede Waldorfschulgründung kennt das Phänomen, dass es gerade die aufkommenden Widerstände sind, die zur Bündelung der eigenen Kräfte, zu neuen Ideenbildungen und zu Verwandlungen führen. Im Rückblick auf manche Krise können Hindernisse in diesem Sinne auch als „Helfer“ erscheinen, neue Entwicklungskräfte in den beteiligten Menschen hervorzubringen. „Not macht erfinderisch“ heisst es in der deutschen Sprache. Für Rudolf Steiner war der Widerstand gegen das alte, gewohnte Denken seiner Zeit eine Notwendigkeit und ein Zeichen für die zukunftsweisende Qualität der neuen Schule: „Sie muss widerstreben; denn würde sie nicht widerstreben, so würde sie nicht in der Richtung der Zukunftsentwicklung arbeiten.“ [1]

Auch heute, fast drei Generationen weiter, stehen wir mit der Waldorfschulbewegung vor Hindernissen und Fragen des Zeitgeschehens, die uns herausfordern, Stellung zu beziehen. In den letzten Jahren wird von den Medien zum Beispiel stark die „Digitale Revolution im Klassenzimmer“ propagiert. Komplexe „Beobachtungssysteme“ werden entwickelt, die aus unzähligen Daten nicht nur eine hohe Planbarkeit und Vorhersagbarkeit des Unterrichts versprechen, sondern auch eine „höchst individuelle“ Lernmethode. Der einzelne Schüler kann die Bilder der elektronischen Tafel dann per Knopfdruck verändern: „Mit einem Zoom auf die Alpen verschwindet die letzte Nostalgie im Klassenzimmer.“ – Hier sind wir als Waldorfpädagogen herausgefordert, die Faszination einer solchen äusseren Bilderflut zu durchschauen und aus klarer Erkenntnis die Qualität innerer, lebensvoller Bilder von Mensch zu Mensch im Unterricht der jeweiligen Altersstufe weiter zu entwickeln.

Ein Aspekt des menschlichen Verhältnisses zur Kraft der technisch-irdisch befestigenden Messbarkeit und Planbarkeit, die wir in der Anthroposophie als Qualität des Ahrimanischen bezeichnen, ist hinten im Saal im grünen Nord-Fenster dargestellt: Der Mensch befindet sich auf Augenhöhe mit dieser Kraft und zeigt einerseits eine sich distanzierende, andererseits aber auch eine wachsam tastende, fragende Haltung. In einer Notiz schreibt Rudolf Steiner zu diesem grünen Fenster:

Und der Geist der Schwere sammelt den Widerspruch.                                 

Und der ward in des Menschen Willen Widerstand.“ [2]

Nur am Widerstand entwickelt sich die menschliche Persönlichkeit

Die Frage, wie wir als moderne Menschen gerade am Erleben von Widerständen Erkenntnisse und Handlungsimpulse gewinnen, kommt sehr stark im Drama von Goethe‘s Faust zum Ausdruck. Schon im Prolog beschreibt Gottvater, der Herr, dass der Mensch das Wirken des Mephisto braucht, um neue Kräfte daran zu entwickeln:

Der Herr:      

Des Menschen Tätigkeit kann allzuleicht erschlaffen, (340)               

Er liebt sich bald die unbedingte Ruh,                                                                                         

Drum geb ich gern ihm den Gesellen zu,                                                                                  

Der reizt und wirkt und muss als Teufel schaffen.“

In diesem Sinne hat Mephisto eine doppelte Wirkung: Er versucht einerseits den Menschen von seinem Weg abzulenken und zugleich ermöglicht er ihm dadurch eine neue Welt- und Selbsterkenntnis. So sagt Mephisto auf die Frage, wer er sei: (1335) „Ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“

Nachdem Faust, des alten Bücherwissens völlig überdrüssig, den Pakt mit Mephisto im Studierzimmer geschlossen hat, führt dieser ihn auf seinen Bahnen zum Trinkgelage in Auerbachs Keller und in die Hexenküche, in der Faust die schöne Helena in einem Spiegelbild erblickt. Anschliessend fädelt Mephisto auch die Begegnung mit Gretchen ein. In diesen Erlebnissen und Begegnungen mit der Welt und den Menschen beginnt Faust ein neues Bewusstsein zu entwickeln. Er bemerkt nun aber auch immer deutlicher seine Abhängigkeit vom Gefährten Mephisto und dessen Wirkung auf ihn. So spricht er in der Szene „Wald und Höhle“: 

(3240) „ … Du gabst zu dieser Wonne,                                                                             

Die mich den Göttern nah und näher bringt,                                                                                           

Mir den Gefährten, den ich schon nicht mehr                                                             

Entbehren kann, wenn er gleich kalt und frech,                                                                     

Mich vor mir selbst erniedrigt und zu Nichts,                                                                   

Mit einem Worthauch, Deine Gaben wandelt.“

Je klarer Faust in sich selbst den Abgrund zwischen den erhebenden göttlichen Kräften und dem erniedrigenden Wesen des Mephistopheles erkennt, desto stärker bildet sich in ihm der Wille, diesen Abgrund durch eigene menschliche Aktivität zu überwinden. So wird aus dem ersten Bemerken und Erkennen im nächsten Schritt eine deutliche, scharfe Urteilskraft. Als Mephisto über das verliebte Gretchen fast höhnisch spricht  „Das arme affenjunge Blut  …  und immer verliebt,  entgegnet Faust: Schlange! … Verruchter, hebe Dich von hinnen… Kuppler!“  (3313f.)

Später muss Faust erkennen, dass Mephisto ihn mit den wilden Szenen der Walpurgisnacht nur vom dramatischen Schicksal Gretchens ablenken wollte. Erschüttert über die offensichtliche Täuschung steigert sich sein erwachender Widerstand. In der Szene „Trüber Tag“ stellt er Mephisto:  „Im Elend!  Verzweifelnd! … Als Missetäterin im Kerker ..… Verräterischer, nichtswürdiger Geist, und das hast Du mir verheimlicht!“  An der eiskalten Entgegnung Mephisto‘s   „Sie ist die erste nicht.“  erkennt Faust im Zorn der Enttäuschung dessen wahres Wesen und dass er selbst die Initiative übernehmen muss:  „Mir wühlt es Mark und Leben durch, das Elend dieser einzigen – du grinsest gelassen über das Schicksal von Tausenden hin..…     Rette sie, oder weh Dir!“

Am Ende des ersten Dramas muss Faust im „Kerker“ schmerzlich erfahren, dass sein Erwachen und sein Handeln für Gretchen zu spät kommen. In der stetigen Auseinandersetzung mit Mephisto hat er durch Höhen und Tiefen hindurch aber seine Urteils- und Initiativraft so verstärkt, dass er ihm in den nachfolgenden Szenen des Faust II. nun freier, selbständiger und initiativer gegenübertritt. Ein solches Erstarken der Persönlichkeit durch die faustische Begegnung mit Gegenkräften schildert R. Steiner als Urbild des modernen Menschen: „Dieses Hin- und Herpendeln des Menschen zwischen Ahriman und Luzifer muss schon stattfinden, sonst könnte sich die menschliche Persönlichkeit nicht entwickeln. …  Nur am Widerstand entwickelt sich die menschliche Persönlichkeit. Selbst an unserem Leibe entwickelt sich die Persönlichkeit am Widerstand.“ [3]  

Erwachen am Widerstand der Wesensglieder

Blicken wir nun auf die Wirkung von Widerständen in unserer pädagogischen Arbeit, so zeigt sich ein erstes menschenkundliches Urbild beim täglichen Aufwachen im und am Leib: Ich und Astralleib als „allerbeste Freunde“ durchdringen an jedem Morgen den Widerstand des physischen und des ätherischen Leibes, die ebenfalls tief miteinander verbunden sind. Da diese Durchdringung im Kind noch nicht zusammenstimmt, wird im 1. Vortrag der Allgemeinen Menschenkunde als Grundaufgabe der Erziehung die schrittweise Harmonisierung der Geist-Seele einerseits und des Körperleibes andererseits beschrieben. Dieses Aufwachen im Leib können wir als Annäherung der beiden Wesensglieder-Paare zeichnen (s. Skizze unten). Im Band Anthroposophie als Kosmosophie [4] beschreibt Steiner die drei Seelenkräfte des Menschen als zwischen den vier Wesensgliedern liegend:

- Das Denken kann sich in dem Masse zwischen dem physischen und dem ätherischen Leib bilden, wie sich die ätherischen Kräfte nach dem Zahnwechsel aus der Verbindung mit den physischen Wachstumskräften lösen.

- Das Wollen steht in seinem Wesen den Impulsen des Ich sehr nahe und ist auf der anderen Seite mit der Beweglichkeit des Astralleibes verbunden.

- In der Mitte der sich begegnenden Wesensglieder bildet sich das Fühlen zwischen der Bewegung des Astralleibes und den Formkräften des Ätherleibes.

Im Blick auf die kindliche Entwicklung ist nun zu beobachten, dass Schüler in ganz individueller Weise ihre Widerstände an den Wesensgliedern erleben. Stellen wir uns z.B. einen Jungen vor, der am Morgen besonders stark am physischen Leib anstösst: Einerseits wacht er schwer und langsam auf, andererseits aber wird er durch dieses Anstossen sehr früh wach in seinen Gedankenkräften. – Oder stellen wir uns ein Mädchen vor, das sich mit ihrem Ich immerzu in einer Auseinandersetzung mit ihrem sehr starken Astralleib befindet: Sie wacht leicht auf und trägt, beflügelt vom astralischen Leib, eine heitere, staunende, oft kaum zu bremsende Sinnes- und Erlebnisfreude in den Tag. Ihr fällt es leicht, sich über das Gefühl freudig mit allem Bewegten und Rhythmisch-Musikalischen zu verbinden. Gilt es aber, sich ganz auf eine stille, besinnende Tätigkeit zu konzentrieren, erlebt sie ihre astralische Bewegungsfreude als grossen Widerstand.

Auch an uns selbst beobachten wir als Lehrer, dass wir jeder in eigener Weise Widerstände in uns selbst überwinden und dass diese Überwindung das individuelle Freiheitsgefühl, die seelische Gestimmtheit und unsere Initiativkraft beeinflusst: Entschliesse ich mich zum Beispiel, eine mir über Jahre vertraut gewordene Unterrichtsgewohnheit in einer nächsten Klasse zu verändern, steht mir die alte Gewohnheit solange als kräftiger Widerstand des Ätherleibes gegenüber, bis sich die neue Gestaltung verankert hat.

Die andere Seite des Ich in den äusseren Widerständen

Jene inneren Widerstände beschreiben nur die eine Seite des pädagogischen Lebens. Indem wir mit unseren Sinnen (Pfeile in der Skizze), unserem Interesse und unseren Handlungen auf die Welt und auf äussere Widerstände zugehen, können wir eine rätselhafte Entdeckung machen: Selbst, wenn wir es vielleicht anfangs nicht wahr haben wollen, erkennen wir doch immer stärker, dass die Erlebnisse, Herausforderungen und auch Schwierigkeiten, denen wir in der Schule begegnen, in tiefer Weise mit uns selbst zu tun haben. Es erscheint sogar so, als kämen wir uns selber im äusseren Schicksal entgegen. Dieses sich selbst in der Begegnung mit dem anderen Menschen und der Welt neu wiederfinden wird von Martin Buber mit den Worten ausgedrückt: "Der Mensch wird am Du zum Ich.“  

Gerade als Waldorflehrer kann uns jeder einzelne Schultag herausfordern, so in der Liebe zum Handeln zu leben, dass wir uns im Unterricht und im Schulgeschehen von unserem Gewohnheitsmenschen lösen und ganz in der Tätigkeit und in den Begegnungen aufgehen. Geschieht diese Hingabe im Sinne der Philosophie der Freiheit aus individueller Intuition, aus freier Überzeugung, so realisieren sich damit Schritte der Selbstfindung im sozialen Geschehen. Steiner beschreibt dieses als eine zukünftige Stufe des Menschseins: „So steuert der Mensch auf das soziale Zeitalter zu, dass er in Zukunft sagen wird: Mein Selbst ist bei all denen, die mir da draussen begegnen; am wenigsten ist es da drinnen.“ [5]

Zu dem innerlichen Ich als geistigen Kern der vier Wesensglieder ist nach dieser Beschreibung also eine zweite Wirkungsebene zu ergänzen, die von aussen in den Herausforderungen und Widerständen des Lebens auf uns zukommt:

Werde ein Mensch mit Initiative“

Das Gewahrwerden, dass wir selbst als Lehrer unmittelbar mit dem Geschehen und den Begegnungen, die auf uns zukommen, verbunden sind, führt zu einem vertieften Verantwortungsgefühl: Wie lerne ich auf einer ersten Stufe, das Unterrichtsgeschehen aufmerksamer wahrzunehmen? Oft sind es äusserlich kleine Dinge, welche von besonderer Bedeutung sind. Gelingt es, eine Haltung des Interesses und der „Andacht zum Kleinen“[6] zu entwickeln, werden die individuellen Eigenschaften der Schüler stärker als solche bemerkbar: Eine Schülerin beginnt zum Beispiel erst zu arbeiten, wenn Blatt und alle Stifte in klarster Ordnung vor ihr liegen. Oder ein Schüler hat vielleicht seine ureigene sprachliche Art, eine Geschichte nachzuerzählen. Eine andere Ebene der Aufmerksamkeit richtet sich mitten im Unterrichtsgeschehen auf das Wechselspiel der Lehrer- und Schüleraktivitäten: Wie reagiert die Klasse auf die Art der Ansprache? Entsteht eine unmittelbare Resonanz und Fragehaltung? Oder bildet sich ein seelischer Widerstand?

Geraten unsere Intention und das äussere Unterrichtsgeschehen in eine wirkliche Diskrepanz, sind wir als Lehrer tief betroffen. Herausgefordert, die Situation in ein neues Gleichgewicht zu bringen, gilt es pädagogische Initiative zu entwickeln, gleich im heutigen Unterricht, oder in der Vorbereitung auf den morgigen. Oft ist dabei ein rätselhaftes Phänomen zu beobachten: Das Erleben der inneren Betroffenheit in der Uneinheitlichkeit, in der Diskrepanz gegenüber dem Ideal verwandelt sich mit dem ersten Ergreifen der Initiative oft unmittelbar in eine neue Tragekraft und in ein neues Vertrauen. Offensichtlich verbinden wir uns in der Willens-Initiative ganz mit der werdenden, noch in der Zukunft liegenden Seite unseres Ich. Im Karma-Band III. beschreibt Steiner die biographische Bedeutung der Entwicklung von Initiative an Hindernissen mit folgenden Worten:  “Werde ein Mensch mit Initiative, und siehe nach, wenn du aus Hindernissen deines Körpers, oder aus Hindernissen, die sich dir sonst entgegenstellen, den Mittelpunkt Deines Wesens mit der Initiative nicht findest, wie im Grunde genommen Leiden und Freuden bei dir von diesem Finden und Nichtfinden der persönlichen Initiative abhängen.[7]

Übertragen wir diesen Gedanken auf den Unterricht und auf das Wesen der Waldorfpädagogik: In den zahlreichen Widerständen, denen wir im Kleinen, wie im Grossen gegenüberstehen, finden wir uns stetig neu zur Initiative herausgefordert. Je stärker es gelingt, die beschriebenen faustischen Stufen des Gewahrwerdens, des Erkennens, des klaren Urteilens und der freien Initiative zu ergreifen, desto stärker nähern wir uns mit dem eigenen Wesen dem lebendigen Kern dieser Pädagogik.

Mit dem Thema dieser Welt-Lehrer-Tagung „Gewinnen am Widerstand – Mut zu freiem Geistesleben“ möchten wir in diesem Sinne an der Weiterentwicklung unserer freien menschlichen Initiativkraft arbeiten.


[1]   R. Steiner, Die Waldorfschule und ihr Geist, GA 297, S. 40

[2]    Albert Schmelzer, Goetheanum Glasfenster, Verlag am Goetheanum 2013

[3]    R. Steiner, Faust der strebende Mensch, GA 272 – S. 310

[4]    R. Steiner, Anthroposophie als Kosmosophie, GA 207, S. 47f.

[5]    R. Steiner, GA 187,  4. Vortrag, 27. Dezember 1918, S. 80f.

[6]    Siehe R. Steiner, Heilpädagogischer Kurs, GA 317, S. 153

[7]    R. Steiner, Esoterische Betrachtungen, Karma-Band III.,  10. V. / S. 151