Das neue Wir gründet auf Individuen

Foto: Wolfgang Held

von Sebastian Jüngel, in: „Anthroposophie weltweit“ Nr. 6/2016

Mit 850 Teilnehmenden aus 46 Ländern fand von 28. März bis 2. April die zehnte Welt-Lehrer- und Erziehertagung ‹Gewinnen am Widerstand: Mut zu freiem Geistesleben› am Goetheanum statt. Im Vordergrund stand nicht, Inhalte zu vermitteln, sondern dazu zu ermutigen, an seiner eigenen Schule tätig zu sein.

Sebastian Jüngel: In der Einladung zur Welt-Lehrer- und Erziehertagung wurde auf die zunehmende Bürokratisierung im Bildungsbereich hingewiesen. Wie weit lebte dieses Motiv während der Tagung?

Claus-Peter Röh: Unsere Intention war, einen Moment aus dem vielfältigen Schulleben der Länder herauszugreifen, um aufzuzeigen, wo die Schulen heute in der Gegenwart stehen. Die Bürokratisierung spielte in der Tagung selbst, wie sich zeigte, eine geringere Rolle. Allerdings kommt keine Schulgründung ohne Widerstände aus. An diesen Widerständen können wiederum der eigene Wille und das eigene Selbst-bewusstsein wachsen. Jeder Widerstand ist ein Aufruf an den Eigenwillen. 

Florian Osswald: In den Beiträgen wurde deutlich, dass es gar nicht so einfach ist, wirklich in und mit der Zeit zu sein. Wir müssen akzeptieren, jetzt zu leben, in der Zeit, in der die Kinder und wir selbst leben. Damit lösen wir uns vom Wunsch, dass die Zeit eigentlich anders sein müsste, bevor wir wirklich in ihr leben können. Natürlich soll die Zeit so nicht bleiben, wie sie ist – aber gerade aus den Widerständen lässt sich Neues gewinnen. 

Initiativkraft zieht Helfer an

Jüngel: Welche Art von Widerstand meinen Sie?

Röh: Zunächst einmal einen grundsätzlich-menschheitlichen, ganz im Sinne einer Faust’schen Betrachtung: Wir haben als Mensch mit Widerständen in uns selbst zu tun. In der Auseinandersetzung mit ihnen verwandeln wir uns. Das geschieht in Stufen: Etwas kommt auf mich zu, ich beginne klarer zu urteilen (was ist wesentlich, was nicht), dann handle ich (ergreife Initiative). Damit werde ich zum Akteur, der Widerstand wirkt weniger bedrohlich. Während der Tagung wurde als Bild der Lachs erwähnt, der gegen den Strom, aber immer zur Quelle schwimmt. Dann berichtete Nesreen Bawari, ehemalige Ministerin für Wiederaufbau und Entwicklung in der kurdischen Regionalregierung in Erbil und für Gemeinden und öffentliches Bauen der irakischen Regierung in Bagdad, davon, wie viel Willen es braucht,  um Widerständen zu begegnen, weil es sonst kein Wasser und kein Gemeinschaftsleben gibt – womit erst die Grundlagen genannt sind, um Bildung vermitteln zu können. Nesreen Bawari erlebte allerdings auch, dass sich den Initiativen unverhofft Helfer anschlossen – Initiativkraft zieht Helfer an.

Osswald:  Darin zeigt sich in voller Radikalität: Der Mensch ist es, der entscheidet, was er ist. Es gilt, anzuerkennen, dass wir dieser oder jener Situation nicht ausweichen können, und dass wir selbst es sind, die diese Schritte tun. Das erleichtert, die Schule stärker im Zusammenhang der Zeit und des konkreten Ortes, wo sie errichtet ist, zu sehen. Diese Verortung muss hier anders sein als anderswo. Auf der Tagung erlebte ich, dass Vielfalt gut ist. Die Vielfalt trägt etwas zum Ganzen bei.

Röh: Wir kennen das als Grundsatz der Anthroposophie: Ich nähere mich aus geistiger Sicht einer Sache nur dann, wenn ich aus verschiedenen Seiten auf sie schaue. Wir hatten Gedankenbögen wie ‹Ich erkenne mich selbst im Widerstand›, der durch die Aufführung der Gruppe Sha’ar laAdam  – Bab Lil’Insan anschaulich wurde. Yaakov Arnan und Mahmoud Soubach führten 23 arabische und jüdische Jugendliche aus den Waldorfschulen Harduf und Shef-Amr im ‹Antigone-Projekt: eine arabisch-jüdische Menschheit› zusammen – der eine Sohn

eines jüdischen Militärs, der andere eines Scheichs. Wie inszenierten sie Antigone? Die Rollen wurden doppelt besetzt, nämlich einmal ‹jüdisch›, einmal ‹arabisch›. Aus der Spannung zwischen ihren unterschiedlichen Herkünften und Sprachen bildete sich im Vollzug des künstlerischen Spiels ein neuer Verständnisboden.

Kunst ermutigt zum Tun

Osswald: Während die Vorträge dazu dienten, ein Tor zu öffnen, ging es in den Arbeitsgruppen durch die Verbindung von Inhalten mit Kunst darum, zu erleben: Kunst macht erlebbar, was Umsetzung bedeutet. Ohne künstlerische Tätigkeit kein Wirken als Erziehungskünstler. In den Rückmeldungen hörten wir: Ihr habt mich ermutigt, die Realität zu gestalten; die künstlerische Tätigkeit hat mich angeregt, Ideen in die Tat umzusetzen.

Jüngel: Welche Rolle spielt dabei der Mut?

Röh: Mut erlaubt mir, alte Gewohnheiten abzulegen und mich dem zuzuwenden, was im anderen lebt. So werde ich als Lehrer am ersten Tag der neuen Mathematikepoche in das Thema einführen und damit den weiteren Verlauf veranlagen. Wenn dann am nächsten Morgen alle wieder beisammen sind, braucht es Mut, die eigene Vorbereitung loszulassen und auf das einzugehen, was die jungen Menschen aus der Nacht mitbringen.

Grundlagen für die Dreigliederung schaffen

Jüngel: Mit dem Motiv ‹Mut zu freiem Geistesleben› sprechen Sie zudem die Dreigliederung des sozialen Organismus an.

Osswald: Wir wollten mit dieser Tagung die Aufgabe der Dreigliederung stärker ins Bewusstsein bringen, denn die Schule hat ein soziales Anliegen.

Röh: Der Schweizer Historiker, Energie- und Friedensforscher Daniele Ganser hat dazu ermutigt, nach der Wahrheit zu suchen, nicht zu schnell, sondern in eigener Weise, um sich ein eigenes Urteil zu bilden.

Jüngel: Was hat Sie während der Tagung persönlich berührt?

Röh: Dass in einem afrikanischen Land ganz selbstverständlich Kinder aus sechs, sieben Sprach- und Religionsgruppierungen sitzen. Hier lernt das menschliche Ich die Hingabe zum anderen, sich selbst nicht ins Zentrum zu stellen, sondern zu vermitteln. Daraus kann etwas Neues entstehen. Berührt hat mich auch, dass sich Menschen aus Ländern, die in kriegerischen Auseinandersetzungen stehen, am Goetheanum im pädagogischen Feld sachorientiert und friedlich begegnen konnten.

Osswald: Mich hat beeindruckt, dass, wenn man sich auf ein Thema konzentriert, erst einmal alles so wirkt, als ob alle halbwegs gleich denken. Wenn man sich aber mehr Zeit nimmt, zeigt sich, dass eine unglaubliche Unterschiedlichkeit zwischen den Auffassungen lebt. Außerdem hat sich mir gezeigt, wie wenig wir wirklich auf die lokalen Gegebenheiten Rücksicht nehmen. Die ‹Form› der Waldorfpädagogik muss noch viel stärker aus der Örtlichkeit heraus geschöpft werden, statt zu sagen: So muss es sein, und sich an Bisherigem ausrichten. Schließlich hat mich beeindruckt, wie verschieden gesprochen werden kann: Wie viel Zeit braucht jemand, bis er zum Punkt kommt? Wenn man da ungeduldig wird, kann sich der andere nicht entfalten, und es kann nichts entstehen. Einige sprechen klar, andere schön, Dritte machen viele Pausen. Was für eine Verschiedenheit, wie Menschen über etwas sprechen! 

Röh: Auch wenn ich eine Sprache nicht verstanden habe, habe ich doch etwas vom Ich des Sprechers, der Sprecherin erlebt. Das war für mich eine praktische Übung für das, worauf Rudolf Steiner in seinem Vortrag vom 15. April 1924 hingewiesen hat: «Die ganze Eigentümlichkeit der Menschen kommt heraus in der Art und Weise, wie sie ein Wort bilden. […] Wenn man in dieser inneren Weise die Sprache versteht, dann schaut man hinein, wie die Ich-Organisation wirkt.» (GA 309) Zukünftig werden wir weniger bei unserem eigenen Ich sein, dafür mehr bei dem, was im Raum geschieht und beim Gegenüber. 

Energie – Mut – Gemeinsamkeit

Jüngel: Gab es einen roten Faden?

Osswald: In meinem Erleben war Viktor Frankl sehr präsent – und mit ihm die Frage nach dem Dasein.

Röh: Seine Grundfrage nach Überleben von Konzentrationslager und Krieg war ja: Was erfragt nun die Welt von mir?  

Osswald: Außerdem ging es um das Handeln. Bodo von Plato führte Rudolf Steiners Aussage an: Ich liebe die Handlung. Dabei geht es ja nicht darum, einfach zu handeln, sondern um die Liebe im Handeln. Wenn ich allein bin, stehe ich vor der Aufgabe, mich zu entwickeln – da entsteht Energie. Kommt ein Gegenüber hinzu, braucht es Mut, etwas zusammen zu machen. Werden es mehrere Menschen, kommt die Aufgabe hinzu, etwas Gemeinsames entstehen zu lassen. Damit war unterschwellig die Frage nach dem Wir gestellt. 

Jüngel: Wie bildet man ein Wir? 

Osswald: Das Wir entsteht nur durch Individuen. Die Vielfalt allein ist noch kein Wir. Ein typisches Retro-Wir ist die Gruppenzugehörigkeit: «Wir, die Waldorflehrer …» Ob es gelingt, ein Wir zu bilden, weiß man im Voraus nicht. Wenn man nicht achtsam ist, entsteht schnell ein Wir ohne Ich – und das wäre der Untergang.

Röh: Das neue Wir bildet sich mit und am anderen, es ist nicht schon da wie das alte Wir. 

Osswald: Erst in das neue Wir stellt sich das Ich hinein. Dadurch entsteht Orientierung. Steiners Haltung ist klar: «Man hat in der Menschheitsentwicklung nicht das Recht, sich als Individualität zu fühlen, wenn man sich nicht zur gleichen Zeit als Angehöriger der Menschheit fühlt.» (GA 305, Vortrag vom 29. August 1922) Aus diesem Verhältnis zum Wir entsteht heute die Orientierung für das Ich.

Röh: Entwicklung geht nicht ohne den anderen, ohne Widerstände und ohne Klarheit, wo ich stehe: Es braucht Mut zur eigenen Identität und zur Gemeinschaft. Etwa, wenn man sich in einer gemeinsamen Initiative wie einem Kindergarten oder einer Schule finden will.