Auf der Suche nach Authentizität

Tagungsbeitrag von Michal Ben Shalom, 10. Welt-Lehrer- und Erziehertagung, in: Rundbrief Johanni Nr. 57

Liebe Freunde aus aller Welt,

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Um ehrlich zu sein, haben mich die Beiträge [dieser Weltlehrertagung] in den letzten Tagen sehr bereichert. Was gilt es dem noch hinzufügen? Vielleicht eine gute Geschichte, nämlich eine Geschichte über die Natur. Ich erzähle Ihnen etwas über die Lachse, die großartige Wanderer sind. Vielleicht die grössten Wanderer in der Natur.

Hoch oben in den Bergen werden sie in Süsswasserbächen geboren und als kleine Junglachse bleiben sie für etwa drei Jahre in diesen abgelegenen Gebieten. An diesen Kindheitsort werden sie sich ihr Leben lang erinnern.

Sobald sie gross genug sind, verlassen sie diesen Ort und schwimmen über weite Strecken die grossen Flüsse flussabwärts. Sie gleiten die Wasserfälle hinunter und man könnte fast sagen sie „reiten“ auf den Wellen des stark fliessenden Wassers hinunter bis zum Meer.

Nach dieser jugendlich spielerischen Reise halten sie für eine kurze Zeit an der Flussöffnung an, um ihre Körperfunktionen an das Salzwasser zu gewöhnen. Sie passen sich an alles Nötige an und schon geht’s weiter!

Die nächsten fünf Jahre verbringen sie im tiefen kalten, manchmal sehr stürmischen Ozean mit  „den ganz Großen“ wie den Walen, Seehunden, Möwen und Seeadlern.

Sobald sie dann zur Vermehrung bereit sind und ihre Eier ablegen müssen, beginnt die sogenannte „Grosse Lachswanderung“. Über Tausende Fische wandern von den offenen Küsten zu den Flussmündungen von Kanada und Alaska zurück, um letztendlich nach Hause zurückzukehren. Sie erinnern sich noch genau an ihren Geburtsort, sowie an die Flussmündung, die sie vor fünf Jahren verlassen haben, um sich dort erneut an das Süsswasser zu gewöhnen. Die Forschungen zeigen, dass sich jeder einzelne Fisch an diesen Ort erinnert. Ihr Körper weiss ganz genau wie er zurück zu diesem Bach kommt. Sie riechen ihren Weg zurück zu ihrem Geburtsort. Vielleicht bedienen sie sich magnetischer Einflüsse, aber am wichtigsten scheint der Geruch zu sein mithilfe dessen sie sich orientieren.

Wenn sie sich an der Flussmündung versammeln, um sich ein weiteres Mal auf dieses Wunder vorzubereiten – von salzig zu süss – dann riskieren sie viel! Eigentlich riskieren sie alles! Ihr ganzes Leben! In dieser Situation sind sie sehr verletzlich. Sie fallen Bären zum Opfer, die nur auf sie warten, Seemöwenschwärmen, weissen Seeadlern und Fischern. Sehr viele von den letztgenannten... Dabei sind sie schon alt und schwach. Von den Kämpfen mit den Meeresfeinden tragen ihre Körper tiefe Narben. Obwohl sie sichtbar älter werden, folgen sie dem Ruf der Natur, ihrem Daseins- und Lebenssinn und vollbringen eines der grössten Naturwunder: die „Große Lachswanderung“.

Eigentlich völlig absurd, aber sie schwimmen gegen die Strömung, immer flussaufwärts, dem sprudelnden, reissenden Wasser und hohen Wasserfällen entgegen. Einige kämpfen sich durch eine 20 km lange Strecke, um an die Quelle zu gelangen und andere wie am Yukon Fluss, bewältigen eine Strecke von 2000 km flussaufwärts mit vielen zu überwindenden Wasserfällen. Für die zukünftige Generation nehmen sie den ganzen Weg auf sich. Sie riskieren alles, nur um Tausende von Eiern dorthin zulegen, wo sie wissen, dass ihre Jungen geschützt aufwachsen können. Sie schwimmen gegen enorme Wasserkräfte an, fliehen vor Feinden und versuchen den Fischern aus dem Weg zu gehen. Sie kämpfen gegen den Wasserlauf an. Und wenn sie an einen Wasserfall kommen, dann kreisen sie eine Weile auf seiner Unterseite, um dort die richtige Stelle zu finden und Unglaubliches aufzuführen: sie fliegen... Sie springen beinahe senkrecht hoch bis zur Fallkante. Und manchmal schaffen sie es, sie zu überwinden oder es misslingt ihnen und sie werden wieder herunter gezogen. Dann versuchen sie es erneut, scheitern wieder, scheitern besser... und so weiter.

Es ist kaum zu glauben, dass eine Kreatur gegen den kräftigen Wasserlauf anschwimmen und jedes Mal alleine mehrere Meter in die Luft springen kann, aber sie tun es! Zielgerichtet machen sie weiter und folgen ihrem inneren Überlebens- und Erneuerungsdrang.

Kein Wunder kommen jedes Jahr so viele Menschen, Erwachsene wie Kinder, um an diesem bewegenden Moment teilzuhaben. Es muss irgendwie ein tiefes innerliches Bild für die menschliche Seele darstellen, ein Geheimnis über das Leben.

Während dieser wagemutigen Reise, ernähren die Lachse Bären und Vögel, die nur auf ihre Beute gewartet haben. Nur zwei von sechs erreichen ihr Reiseziel. Der Rest von ihnen ernährt die Waldbewohner der Tundra. Überraschenderweise haben Forschungen über die Quellen gezeigt - wo die Lachse zwischen die Flusssteine ihre Eier legen – dass dort die Vegetation, Tierwelt und die Flora und Fauna mineralisch sehr reichhaltig sind. So was kann man sonst nur in den Tiefen des Ozeans finden!

So sieht man, dass die unglaubliche Ausdauer der Lachse bei der Wanderung von der dunklen Tiefe bis oben zur Helligkeit hin als Botschaft dienen kann. Mithilfe von Entschlossenheit und Ausdauer wird ein Lebenszyklus ermöglicht. Entgegen allem, was zu erwarten wäre.

Gibt es dem noch was hinzuzufügen?

Ist das nicht ein Naturschauspiel? Ausdauer, Geduld, Verantwortung, Vertrauen haben, Widerstände meistern, sich an die eigene Herkunft erinnern und Mut beweisen, soviel Mut.

Die höchsten Werte und Tugenden, die man sich wünschen kann! Nur… dass es mit uns Menschen ein bisschen anders ist.

Lachse müssen so handeln! Wir sind frei…

Lachse sind dazu gezwungen – wir können es uns frei aussuchen...

Lachse sind dazu gemacht, sich zu erinnern – wir sind frei, zu vergessen!

Eine alte jüdische Legende besagt, dass kurz vor unserer Geburt ein Engel seinen Finger sanft auf unsere Lippen legt und sagt: „Jetzt musst du alles vergessen...“ Deshalb erinnern wir uns hier bei unserer Ankunft an nichts mehr, was „da drüben“ auf der anderen Seite der Schwelle gewesen ist (und wir alle besitzen diese wunderschöne Markierung oberhalb unserer Lippen!).

Obwohl wir ganz anders sind, hat das Beispiel der Lachswanderung eine mächtige Wirkung auf uns und lässt uns nicht gleichgültig, so dass wir uns zu ihm hingezogen fühlen. Es spricht zu uns, weil wir darüber tief in unserem Inneren etwas wissen.

Unsere heutige Zeit begegnet uns mit starken und herausfordernden Impulsen. Widerstände kommen in vielen Ausprägungen und Formen vor und von allen Seiten: von außen wie von innen.

Eine Form des Widerstandes ist zweifelslos der Beschleunigungsimpuls. Das zeitliche Dasein wird zwingendermassen schneller, kürzer und dünner – staccato! Uns fehlt ständig Zeit, wir sind spät dran und wir sagen sogar zu unseren Kindern “Du verschwendest Zeit!” oder “Du verlierst Zeit” – das ist SCHWACHSINN! Man kann keine Zeit verschwenden, man kann keine Zeit verlieren, oder? Sicher nicht ein Kind! Die Kindheit ist zeitlos, ein verborgener Schatz, ein „goldenes Zeitalter“.

Beschleunigung bedeutet auch, dass Dinge erwartet werden oder in der falschen Zeit getan werden, z.B. früher als sie sollten. Mit der frühen Einschulung, früh getroffenen Entscheidungen, einem frühen Bewusstsein, einer frühen körperlichen Reife usw., bringt uns die Kultur dazu, das Lernen zu beschleunigen, mehr in weniger Zeit zu tun und den Kontakt mit einem gesunden Zeitrhythmus zu verlieren. Kinder brauchen Zeit, um groß zu werden, sie nehmen sich dafür Zeit und sie behalten sich wundervolle Wachstumszyklen, in denen sie, wenn sich die Dinge nach ihrem eigenen zeitlichen Rhythmus ereignen dürfen, heranwachsen, sobald ihre Zeit gekommen ist. 

Wenn wir gegen den Strom schwimmen, dann sollten wir die Zeit geniessen und sie als spirituellen Weg sehen, in dem wir die Waldorfpädagogik zur langsamen Pädagogik machen – nicht zu einer schnellen Pädagogik. Wenn wir das wollen, dann brauchen wir langsame Pädagogen: sowohl in unserem inneren als auch in unserem beruflichen Leben. Wir werden die Kinder nie richtig verstehen lernen, solange wir nicht ruhiger werden.

Zuallererst gilt es schöne Rhythmen einzuführen. Mit Rhythmen kann man künstlerisch und auf eine offene spielerische Weise umgehen. Es geht nicht um pedantische Wiederholungen, aber um atmende und sich entwickelnde Rhythmen, in denen Kinder auf glückliche Art neue Stimmungen, ein neues Element, die Hoffnung in einen neuen Tag erfahren können. Pedantische Wiederholungen töten die Zeit, während lebendige Rhythmen neue Stimmungen, Reichtum und seelisch Farben erzeugen.

Der langsamen Pädagogik zuliebe sollten wir schöne lange Epochenblöcke ausüben, für vier Wochen oder mehr, in denen die Zeit es uns erlaubt, viele reichhaltige Erfahrungen zu machen, die eigene Individualität zu erleben und Fähigkeiten zu erwerben etc.

Wenn wir jedoch in kurzen Blöcken von je 2-3 Wochen unterrichten,...

...weil wir noch soviel zu unterrichten haben…

...weil noch so viele Blöcke reingeschoben werden müssen…

...oder wegen des akademischen Drucks,...

... dann erlauben wir die schnelle Bildung, die Beschleunigung, um ja einen „Ehrenplatz“ in unseren Schulen einzunehmen. Auf diese Weise „geht es den Bach runter“.

Ein anderer Zeitaspekt folgt ernsthaft dem rhythmischen Lernen und Vergessen, dem genialen Zusammenspiel von Tun und Nichts-Tun. Wenn wir in den unteren Klassen zuhauf praktische Unterrichtseinheiten oder tägliche Arbeitsblätter einführen, weil die Kinder ja täglich üben müssen oder weil sie „nicht genug wissen“ oder „nicht mit den Standards mithalten können“, dann folgen wir mechanischen Lernideen: „je mehr man übt, desto besser...“. Das ist nicht unsere Kunst der Erziehung. So geht es weder durch richtige Ziele noch durch Mut den Bach hinunter. Das große Geheimnis unserer Zeit ist das Lernen und Vergessen. Wie es in der „Menschenkunde“ [von Rudolf Steiner] beschrieben ist, kann man dadurch ein anderes Zeitverhältnis entwickeln.

Alle Widerstände wie Zeitdruck, frühe akademische Leistungen und Beschleunigung sind für uns ein deutlicher Weckruf. Sie sind für uns ein wichtiger Hinweis für eine klare pädagogische Ausrichtung und erinnert uns an unsere spirituelle Verantwortung für die Zukunft der Kinder.

Der Widerstand hilft dir dein Warum zu entdecken, das Warum mit großgeschriebenem W. Und wenn jemand ein starkes Warum hat, dann kann man jedes ‚Wie’ überleben. 

Das ist vielleicht das bekannteste Aussage von Victor Frankl, der als Inspirationsquelle für viele von uns hier dient. Er wird hier [auf der Weltlehrertagung] zum 4. Mal erwähnt, ohne dass die Sprecher es gegenseitig wussten! In seinem Buch „Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn“ (1) behauptet er, nachdem er das Konzentrationslager Buchenwald überlebt hat: Wenn man ein klares Ziel, eine Absicht oder einen Grund hat, dann findet man seinen Weg ... oder mit den Worten von Viktor Frankl:

„Wer ein Warum zum Leben hat, erträgt fast jedes Wie.“ (2)

Widerstand lässt Fragen stellen,

Widerstand lässt einen erfinden, ausprobieren, verändern,

Widerstand lässt suchen,

Widerstand erhält einen frisch, strebsam, flexibel, lebendig.

Mit anderen Worten lässt Widerstand einen glücklich tätig und tatkräftig glücklich sein.

Weil man dann das Gefühl hat „Ich lebe mein wahres Leben“. Auf diese Weise versauert man nicht. 

Eine alte Legende der Sufi erzählt, dass in einer abgelegenen Stadt ein Prediger lebte, der immer lange und hingebungsvoll betete für die Diebe und gemeinen Räuber der Ordensgemeinde.

„Oh Herr“, betete er, „hab' Gnade mit ihnen“.

Er betete gerade nicht für die guten Menschen, sondern für die Übeltäter.

Seine Ordensgemeinde fragte ihn: „Aber warum tust du das?“

Und er antwortete: „Wenn ich sie sehe, erinnern sie mich daran, dass das was sie wollen nicht das ist, was ich will! Sie führen mich auf meinen spirituellen Weg, auf den richtigen Weg. Darum tue ich das!“

Widerstand, so sehen Sie, kann ein Weckruf sein. Es kann uns auf den richtigen Weg führen.

Angesichts des Widerstandes brauchen wir Mut. Mut für das Wahre, für das wahre menschliche Wissen. In der alt-hebräischen Sprache stammen Mut und Anstrengung von derselben Sprachwurzel ab.

Mut – OMETZ und Anstrengung – MA’AMATZ

Es zeigt vielleicht, dass Mut mit Anstrengung zu tun hat und eine Willenstätigkeit ist, die eine andauernde Anstrengung erfordert. Bei Angst, Gefahren, Bedrohung oder Schmerz muss man andauernd mutig sein. Man muss genauso mutig gegenüber Unwahrheit, Ungerechtigkeit, Fehlverhalten und Lügen sein.

Körperlicher und moralischer Mut beziehen beide den Willen mit ein. Mut durch eine liebevolle Autorität vermitteln könnte das Ziel für die Kinder zwischen 7 und 14 Jahren sein, so Steiner in seiner Vortragsreihe „Metamorphosen des Seelenlebens“ (3). Wenn ein Kind sich glücklich schätzen kann genug Lehrkräfte gehabt zu haben, die es liebevoll und mit wahren Worten begleitet haben – sozusagen sein Ätherisches geschützt und sogar gesteigert, es „grösser“ und „besser“ gemacht haben – dann mag es im späteren Leben, zwischen 28 – 35 Jahren, also im fünften Siebenjahreszyklus (das Pendant zum zweiten Lebenszyklus) als mutig und tatkräftig erscheinen. Es ist interessant, dass Mut und Initiativkraft zusammengehören und beide den Ursprung im Ätherleib haben.

Als Lehrkräfte sind wir eine Gruppe von Machern. „Machen“ ist unser zweiter Name, oder etwa nicht? Immer bereiten wir etwas vor, wir treffen, reden und beraten uns, erklären etwas oder rennen umher. Manchmal fühlt es sich wie ein Aufgaben-, Verpflichtungs- und Taten-Karussell an. Wenn wir nicht wollen, dass wir weggesogen werden und uns im Strom verlieren, dann ist es von entscheidender Bedeutung, dass wir die Initiative für einen inneren Dialog und für eine Reflektion ergreifen, sozusagen für einen inneren Ort, um den enormen Verpflichtungsdrang auszugleichen. Macher müssen einen Moment haben dürfen, um zu träumen.

Gehe an diesen inneren Ort und reflektiere einen Tag lang. Ein voller Tag mit Aufgaben lässt keinen Platz für das Seelische. Ein guter leiser Tagesrückblick bringt nicht nur frischen Wind in die Seele und löst die Alltagsprobleme, sondern hilft uns auch, neuen Platz zu schaffen. Es fährt einen runter. Es liegt auf der Hand: wenn man viel tut, muss man viel wieder nicht tun. Ein Rückblick ist ein Nichts-Tun: es schafft Platz für neue Liebe und Ideen.

Man kennt das: man hat ein Problem in seiner Klasse. Man redet auf den Jungen ein, man wechselt seinen Sitzplatz, man ruft die Eltern an und berät sich mit Kollegen... all das führt in eine Sackgasse. Aber die eigenen Zusammenstösse mit diesem Jungen in den abendlichen Rückblick aufzunehmen, das ist etwas, was neue kreative Wege frei macht. 

Vor vielen Jahren habe ich als Fachlehrerin eine zweite Klasse unterrichtet und ein Junge in dieser Klasse machte mir das Leben schwer. Andauernd laut und stichelnd waren Teile seines täglichen Repertoires und es wurde zunehmend schlimmer.

Bis ich merkte, was meine Aufgabe war: ich begann ihn in meine allabendlichen Rückblicke aufzunehmen. Wer ist dieser Junge, was will er? Er weckte mein Interesse. So machte ich einige Wochen weiter, aber nichts änderte sich. Eines nachmittags traf ich den Jungen mit seinem Vater beim Spazierengehen und der Vater fragte mich: „Und wie ist mein Junge in ihrer Schulstunde?“ Er wirkte sehr nervös über seinen Jungen und das Schulische. „Ihr Junge“, begann ich ohne zu wissen, was als nächstes kommen sollte... und dann ging mir ein Licht auf, als ob etwas durch mich sprechen würde. Von aussen hörte ich mich sagen: „Ihr Junge ist ein wunderbarer Schüler.“ Überrascht von mir selbst, hörte ich mich weiter sagen: „Er singt und rezitiert so wunderschön, er hört zu und nimmt an jeder Aktivität teil. Einfach wunderbar!“ Während ich sprach, konnte ich die schwarzen Augen des Jungens aus dem Augenwinkel wahrnehmen. Sie wurden größer und leuchtender. Er strahlte mich an. Das war’s. Vom nächsten Tag an verhielt er sich genau so wie ich es seinem Vater beschrieben hatte.

Dieser innere Dialog mit dem Kind lässt die eigene Kreativität sprudeln, sozusagen als eine endlose Quelle für kreative Ideen. Da es eine Bemühung aus dem eigenen freien Willen und selbst initiiert ist, bringt es einen näher an das wahre Selbst, an das eigene „Ich“ heran. Wenn man sich eigene Gedanken macht, und sei es nur für einen kurzen Moment, dann unterbricht man den endlosen Daten-, Nachrichten und Ideenfluss von aussen. Man kommt so näher an das eigene authentische und wahre Sein heran. Heutzutage kann nur der Kopf den Weg zum Herzen öffnen.

Im Griechischen steht das Wort ‚Authentizität’ gleichbedeutend für das ‚Selbst', was in unseren Worten 'individualisiert' bedeuten mag. Normalerweise wird der Begriff „Authentizität“ mit etwas Künstlerischem verbunden: einem bestimmten Stil, eine besondere Art mit Licht umzugehen oder den Pinsel zu halten.

Wenn wir ein Werk von Chagall sehen, dann wissen wir es! Es ist einfach authentisch. Es gibt niemanden so wie ihn. Der blaue Farbton dominiert seine Bilder mit einer schwerelosen Wirklichkeit. Wenn man Beethoven hört, erkennt man sofort seinen zweifellos prometheischen Stil. Für uns Lehrer bedeutet authentisch zu sein, seinen eigenen Farbton zu finden. Dieser innere Dialog führt uns dahin, hilft uns, unsere einzigartige Note zu treffen, unsere Farbe zu finden, unseren Pinsel und unsere Farbpalette zu halten.

Rumi sagte: „Es gibt tausende Wege sich niederzuknien und die Erde zu küssen...“ (4)

Es gibt tausende Wege, zu unterrichten, Lehrer zu sein... alle wollen wir diesen einzigartigen Weg finden, wie man „sich hinkniet und den Boden küsst“. In der Waldorfpädagogik geht es nicht um Einheitlichkeit. Es geht nicht darum, den Hauptunterricht eines anderen zu kopieren und auch nicht um festgelegte Methoden. Es geht darum, durch das Unterrichten zu sich selbst zu finden und sich zu bemühen, die Kinder zu lieben.

Unter den Erzählungen der Chassidim von Martin Buber (5) gibt es eine Geschichte über den Rabbiner Bunim aus Peshis'cha und die geht so:

Eines Tages sammelte der Rabbiner Bunim aus Peshis'cha seine Schüler um sich und sagte zu ihnen: “Wenn ich sterbe und vor dem jüngsten Gericht stehe, dann soll Gott mich nicht fragen: ‚Nun Rabbiner Bunim, wieso waren Sie nicht wie der Rabbiner Moses?’ Sondern Gott soll mich fragen: ‚Rabbiner Bunim, wieso waren Sie nicht wie der Rabbiner Bunim?’“

Ich habe einen wunderbaren Lehrer als Freund, der mich einmal nach einem langen Schultag fragte: Weisst du, wer der beste Freund des Lehrers ist? Er sah ziemlich geschafft aus ... ich versuchte es mit ein oder zwei Antworten und daraufhin antwortete er siegreich: „Der beste Freund des Lehrers ist die Hilflosigkeit!“

Heutzutage erfahren wir alle als Lehrer Hilflosigkeit, sowohl die männlichen als auch die weiblichen Kollegen. Hilflosigkeit und nicht weiter wissen ist ein Zeichen unserer Zeit. Wenn wir es nicht erfahren, dann bedeutet es, dass wir auf alten Formen beharren und uns an der Vergangenheit festklammern. Die klaren Antworten einer längst verschwundenen Vergangenheit funktionieren nicht mehr. Die alte Ordnung ist vorbei. Das 20. Jahrhundert hat uns eine grosse Katastrophe beschert und das 21. Jahrhundert verspricht uns auch keine rosigen Zeiten. „Und losgelassen nackte Anarchie…“, sagt W.B. Yeats in seinem Gedicht „Die zweite Ankunft“ (6):

„...hört der Greif den Ruf des Falkners nicht,

Zerfall ringsum, das Zentrum hält nicht stand;

Die Anarchie ist losgelassen in die Welt;...“

Unsere moderne Gemütslage reflektiert uns täglich die Anarchie, das „Auseinanderfallen“. Der Falke „kann den Falkner weder hören“ noch ihm folgen ... Die Ambivalenz zwischen dem was wir sind und dem was wir sein oder werden sollen, ist eine schmerzhafte Wirklichkeit. Es ist manchmal ein beängstigender Widerspruch.

Klar, wir nehmen uns selbst als unvollkommene Wesen wahr. So sind wir. Unvollkommenheit ist die neue menschliche Vollkommenheit. Vollkommenheit ist unmenschlich – es erlaubt keine Veränderung. Die gute Nachricht ist, dass die Unvollkommenheit das Tor zum Werden öffnet...

Mensch zu sein, erlaubt die Unvollkommenheit. So soll es heutzutage sein.

Nun, erlaube als Lehrer dem besten Freund des Freundes, nämlich der Hilflosigkeit, an deiner Seite zu stehen. Ignoriere ihn nicht, denn er ist ohnehin da. Sei freundlich zu ihm, zu deinem stetigen Begleiter, denn ihn zu verneinen, wäre das Schlimmste was man tun kann.

Ausserdem kann seine Freundschaft eine grosse Hilfe sein. „Etwas nicht zu wissen“ schafft einen offenen Raum für Kreativität, Authentizität und für das Werdende.

Thomas Tranströmer, ein schwedischer Dichter, gewann 2011 den Nobelpreis für Literatur. Er beschrieb die neue menschliche Situation in seinem Gedicht „Romanische Bögen“ (7) auf eine tröstliche, poetische Art:

Romanische Bögen

In der gewaltigen romanischen Kirche drängten sich die Touristen im Halbdunkel.

Gewölbe klaffend um Gewölbe und kein Überblick.

Kerzenflammen flackerten.

Ein Engel ohne Gesicht umarmte mich

und flüsterte durch den ganzen Körper:

„Schäm dich nicht, Mensch zu sein, sei stolz!

In dir öffnet sich Gewölbe um Gewölbe, endlos.

Du wirst nie fertig, und es ist, wie es sein soll.“

Ich war blind vor Tränen

und wurde auf die sonnensiedende Piazza hinausgeschoben

zusammen mit Mr. und Mrs. Jones, Herrn Tanaka und Signora Sabatini,

und in ihnen allen öffnete sich Gewölbe um Gewölbe, endlos.

Ich begann mit einem Weltenwanderer und ich schliesse mit einem Weltkünstler, einem im „Werden“ begriffener Mann.

Am 18. November 1995 ging der herausragende Geiger Itzhak Perlman im Lincoln Center in New York City auf die Bühne, um ein Konzert zu geben.

Wenn Sie je auf einem Perlman Konzert waren, dann wissen Sie, dass es für ihn nicht leicht ist, auf die Bühne zu gehen. Als Kind in Tel Aviv wurde er von Polio heimgesucht und so hat er an beiden Beinen Klammern und läuft mithilfe von Krücken.

Ihn zu sehen, wie er über die Bühne läuft und einen Schritt nach dem anderen macht, schmerzhaft und langsam, ist ein bemerkenswerter Anblick. Es erfüllt einen mit Ehrfurcht.

Er geht unter Schmerzen und doch so majestätisch bis er endlich seinen Stuhl erreicht.

Es dauert seine ZEIT.

Dann setzt er sich langsam hin, legt seine Krücken auf den Boden, öffnet die Klammern an seinen Beinen, schlägt ein Bein nach hinten und das andere nach vorne, was wieder seine ZEIT braucht ... dann verbeugt er sich, nimmt seine Geige auf, legt sie unter sein Kinn, nickt zum Dirigenten ... und beginnt zu spielen.

Inzwischen ist das Publikum an dieses Ritual gewöhnt. Alle warten still, während er sich langsam seinen Weg über die Bühne bis hin zum Stuhl bahnt. Jeder bleibt ehrfürchtig still, während er seine Klammern öffnet, bis er bereit ist, zu spielen.

Aber diesmal am 18. November ging etwas schief. Gerade als er die ersten Takte gespielt hatte, riss eine Saite. Jeder hörte es reissen. Der Klang verhallte wie ein Schuss. Man konnte schon absehen, was dieser Knall bedeutete. Er hätte wieder aufstehen, seine Klammern wieder anlegen, seine Krücken aufheben und sich schlaff von der Bühne bewegen müssen, um eine andere Geige oder eine neue Saite zu finden. Aber das TAT ER NICHT. Er machte weder das eine noch das andere.

Stattdessen wartete er einen Moment, schloss seine Augen und dann gab er dem Dirigenten ein Zeichen, erneut zu beginnen. Das Orchester begann und er spielte von dort wo er aufgehört hatte.

Und er spielte wie nie zuvor, mit einer solchen Leidenschaft, Stimmung und einer solchen Ansehnlichkeit.

Natürlich weiss jeder, dass es unmöglich ist eine Symphonie, geschweige denn ein Konzert mit nur drei Saiten zu spielen. Praktisch unmöglich!

Sogar ich als nicht gelernte Geigerin weiss das – aber an diesem Abend ignorierte das dieser Itzhak Perlman!

Man konnte ihn das Stück in seinem Kopf modulieren, verändern, komponieren sehen. An einem Punkt klang es, als ob er die Saiten umstimmen würde, um neue Klänge aus ihnen zu erzeugen, Klänge, die sie noch nie zuvor hervorgebracht hatten. Man stelle sich das einmal vor ...

Als er zu Ende war, trat eine komplett ehrfurchtsvolle Stille im Publikum ein. Und dann ... sprangen die Leute auf und jubelten. Es gab in allen Winkeln einen tosenden Applaus. Alle waren rufend und jubelnd aufgesprungen, um ihm ihre grosse Anerkennung zu zeigen für das, was er geleistet hatte. Er lachte, strich sich den Schweiss von der Stirn und hob seine Hand, um um Ruhe zu bitten. Und dann sagte er auf seine bescheidene Art: „Wissen Sie, ich denke manchmal ist es die Aufgabe des Künstler herauszufinden, wie viel Musik man noch machen kann mit dem, was man vorfindet.“

Wir als Lehrer sollten auch weiter so Musik machen, unsere eigene Musik schreiben und umschreiben, unsere authentische Note und neue Wege finden, um mit dem was man vorfindet, die besten Lehrer zu werden.

Dt. Übersetzung: Katharina Stemann

Literaturangaben:

(1)  Frankl, Viktor: „Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn“, Piper Verlag, 1985.

(2)  Anm.d.Ü.: Zitat ursprünglich von Friedrich Nietzsche: „Hat man sein Warum des Lebens, so verträgt man sich fast mit jedem Wie.“ Götzen-Dämmerung, Sprüche und Pfeile, 12

(3)  Steiner, Rudolf: „Metamorphosen des Seelenlebens“, GA 59.

(4)  Zitat von Dschalal ad-Din Rumi, persischer Sufi-Mystiker, Gelehrter und einer der bedeutendsten persischsprachigen Dichter des Mittelalters.

(5)  Buber, Martin: „Die Erzählungen der Chassidi“, Manesse Verlag, 1949.

(6)  Yeats, William Butler: „Die zweite Ankunft“, Dt. Übersetzung siehe: www.sonett-archiv.com/forum/showthread.php

(7)  Tranströmer, Thomas: „In meinem Schatten werde ich getragen. Sämtliche Gedichte.“, S.Fischer Verlag.